Menschendschungel

Ein neues Jahr beginnt und ich begebe mich auf eine Rundreise durch den Norden Indiens. Ich freue mich erneut auf einige »Museumstage«*– solche Tage, die gefüllt sind mit vielen neuen Eindrücken und Bildern. Tage, die scheinbar nicht enden wollen und einem wie eine ganze Woche vorkommen. Wunderbar!
Meine Vorurteile gegenüber dem Land sind in den letzten Wochen vor meiner Abreise unfreiwillig gewachsen. Wurde ich nach meinem Reiseziel gefragt, so erhielt ich bei meiner Antwort »Indien« regelmäßig ein erstauntes »Oh je, Indien – das willst du dir antun« als Reaktion. Die Kommentare haben Bilder in meinem Kopf vorgezeichnet, die ich eigentlich nicht zulassen wollte. Dreck, Gewalt und Feindseligkeit sind die Begriffe, die sich in meinem Notizbüchlein wiederfinden. Ich genieße trotzalledem die Vorfreude auf die Reise, doch dieses Mal schwingt auch etwas Unsicherheit und Respekt mit.
Der Start – Dehli: Nachdem ich mir die Strapazen der 20-stündigen Anreise aus den Kleidern geschüttelt habe, führt es mich auf einen Blumenmarkt am Rande der Stadt, es ist sehr früh morgens. Ich genieße das bunte Treiben und die ersten Begegnungen mit den Menschen. Meine Kommunikationsmittel sind Englisch – so weit es funktioniert – und das übliche Herumschaukeln mit der Kamera. Es ist laut, bunt, eng und sehr entspannt. Viele lächelnde Gesichter fliegen meiner Linse entgegen – ein fantastischer Start in den Tag. Danach mache ich mich weiter auf den Weg nach Old Dehli. Ich habe den Eindruck, ich befinde mich inmitten einer Filmkulisse. Lautes Hupen der Tuk Tuk Mobile, unterschiedlichste Gerüche und Menschentrauben um mich herum – eine erschlagende Reizüberflutung. Beim Erkunden der Stadt denke ich, so muss sich ein Skifahrer bei der Slalomabfahrt vorkommen, wenn er bei hohem Tempo die Stangen auf sich zurasen sieht und ausweicht. Ich gebe mein Bestes und versuche mich und meine Ausrüstung möglichst geschickt durch die überfüllten Gassen zu manövrieren. Am Abend fliege ich dann direkt weiter nach Udaipur, wo nach einem langen ersten Tag die Hoteltür hinter mir ins Schloss fällt und es still wird – geschafft!

Der Weg – Schwarz-Weiß: In den darauffolgenden Tagen reise ich durch den Norden Indiens. Von Udaipur weiter nach Rankpur, Jodhpur, in die Hauptstadt Rajasthans, nach Jaipur und und zum Ende mit dem Zug nach Agra. Die Tage sind lang, beginnen oft sehr früh am Morgen und führen mich auf unzählige Märkte, in kleine Dörfer und in Städte mit lebendigem Treiben. Und ich gleiche ab: Dreck, Gewalt und Feindseligkeit. Das »Indien in meinem Kopf« ist ein Zerrbild. Bei meinen Begegnungen mit den Menschen erlebe ich Vieles – aber nie wirkliche Angst oder Feindseligkeit. Ich lächle, verteile Komplimente und bin sehr beeindruckt von dieser »anderen Welt«.
Meine Gegenüber sind manchmal verunsichert, meistens aber freudig, neugierig, überrascht und belustigt über diesen kleinen Typen mit runder Brille, der sich vor ihnen oftmals »zum Affen« macht, um ein Bild zu erhalten. Wir verleben oft nur eine kurze Zeit, plaudern über das Geschäft oder die Familienverhältnisse oder schweigen uns für eine Weile an. Doch eine Sache bleibt: ein Foto und eine kleine, gemeinsame Story. Mit Einigen tausche ich Kontaktdaten aus und verspreche, Erinnerungsbilder zu schicken.
Und dann gibt es da noch den unbeschreiblichen Dreck in den Städten und auf den Straßen, den unaufhörlichen Lärm der hupenden Fahrzeuge und die Menschenmassen. Schockierende Bilder von toten Tieren auf den Straßen, dahinvegitierende Menschen und unglaubliche Armut. Das kleine Mädchen, spielend inmitten eines vielbefahrenden Verkehrskreisel in Dehli sitzend. Niemand, der voller Panik zu Hilfe eilt – nichts! Das sind Bilder, die ich von sehr weit weg, aus einer anderen Welt betrachte und für mich einordne. Eine Beurteilung steht mir jedoch nicht zu. Kein Schwarz oder Weiß, lauter Graustufen – so viele Nuancen, die ich nicht erfassen kann. Staunend stehe ich da und übe mich in Zurückkaltung. »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« (Sokrates)
Die Bilder der Reise bewegen sich in diesem Spannungsfeld zwischen Empathie und Schrecken. Am Ende ziehe ich ein Fazit meiner Reise und das heißt: Zuneigung und Verständnis für eine »andere Welt« und der Gewinn neuer Freunde. // 2020 Indien

 

Fotos und Buch zum Projekt ansehen

Danke für die Fotos an: Gaurav Mishra, Christina Wilhelm, Kim Steinsberger

Christina Wilhelm, Natur- und Reisefotografie

Kim Steinsberger design

Fotoguide Gaurav Mishra, 500px.com

Frank Niedertubbesing
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